Literarische Monologe

Dornreschen rezensiert ...


Thomas Melle: Sickster
Her Nerdiness höchstpersönlich
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Einer flog über das Kuckucksnest für die Hipster-Generation:



Drei junge Menschen, als elitäre Hoffnungsträger ihrer Altersklasse allesamt erfolgreich durch alle nur erdenklichen Mühlen der bildungslandschaftlichen Exzellenzinitiative hindurchgedreht und unterdessen auf dem besten Wege zur normierten Bilderbuch-Karriere, treffen am schwindelerregenden Abgrund einer effizienzgemanagten, profithungrigen Konsum- und Leistungshölle unverhofft aufeinander.
Da ist zum einen der stromlinienförmige Schwerenöter Thorsten Kühnemund, seines Zeichens ambitionierter Manager für einen Mineralölkonzern, der unermüdlich vorgibt, sein hedonismusersäuftes und den Lifestyle-Magazinen dieser Welt entsprungenes Leben in vollen Zügen zu genießen. Dem stets verdrängten Entfremdungs-Störgeräusch am äußersten Rande seines Bewusstseins versucht er indes vergebens und zunehmend zwanghaft mit orgiastischen Exzessen, schnellem Sex und Alkohol in rauen Mengen zu jeder Tages- und Nachtzeit zu Leibe zu rücken.
Mit von der Partie ist außerdem auch noch die Juristin Laura, Kühnemunds melancholische Lebensgefährtin, eine diaphane Schönheit, die heimlich von der Geburt einer neuen, androgynen und edleren Menschengattung träumt; von Menschen, „die in Haikus reden. Oder wie Blumfeld, in gebrochenen Versen, von Liebe und Protest.“ Und während „Kaskaden von Leere“ durch ihre Brust stürzen, während die stofflich spürbare Stille ihrer um jedes Gefühl betrogenen Wirklichkeit sie zusehends zu ersticken droht, avanciert die Selbstverletzung für Laura schon bald zum einzigen, noch nicht versperrten Hintertürchen, das ihr einen letzten, unverfälschten Zugang zum Ich ermöglicht.
Vervollständigt wird das seelenversehrte Dreigestirn zuletzt von Magnus Taue, einem sensiblen und hochintelligenten Schöngeist, der zugleich auch der heimliche Held des Romans ist. Einmal durchs gefräßige Räderwerk der wuchernden Kreativ-Kulturindustrie hindurchgejagt, bloß um sich und die einst hehren Künstler-Träume ausgespien und zerschlagen als verdaute, nicht mehr länger benötigte Hinterlassenschaften wieder vorzufinden, verabscheut er seinen Journalisten-Job als „Worthure“ der großen Konzerne seither mit still-entschlossener, fast schon paranoid anmutender Wut; - bis der unnachgiebige Würgegriff eines akuten Psychoseschubs seine Rebellion vorübergehend vereitelt.
Im Auffangbecken des beschädigten Lebens, der geschlossenen Station einer psychiatrischen Klinik, begegnen sich die drei zuletzt wieder – und schmieden von da an gemeinsam Pläne für eine fulminante, noch nie da gewesene Revolution der Entmündigten und Marginalisierten.

Wollte man den Deleuzeschen Anti-Ödipus oder Marcuses Eindimensionalen Menschen in vibrierende, hochexplosive Erzählprosa verpacken, könnte es sich womöglich so anhören.
Thomas Melle liefert mit seinem vielbejubelten Debütroman Sickster jedenfalls die bewegende und dabei doch nie rührselige Psycho-Chronik eines schleichenden, aber absehbaren Kollapses, eines tückischen Infarktes, der sich mitten im Hochleistungsherzen des kapitalistischen Schlaraffenlandes ereignet.
Doch wer nun mit den Augen rollend aufstöhnt und glaubt, Melle souffliere dem Leser hierbei allein ideologieverblendete, bloß monokausal argumentierende Systemkritik, der irrt gewaltig. Ganz im Gegenteil belässt Melle es in angenehmer Vagheit, wie sich das Verhältnis von Ursache und Wirkung denn nun genau gestaltet. Ist es die neoliberale Ellenbogenmentalität, die die Entstehung verschiedenartigster Psychopathologien provoziert oder ist es gar der neurotische Wiederholungszwang selbst, der überhaupt erst jene benötigten Produktivkräfte freisetzt, die die Basis der kapitalistischen Ökonomik bilden?
Melle gibt keine eindeutigen Antworten hierauf. Stattdessen führt er den Leser neutral, fast schon indifferent und durchweg ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger zu rühren, durch die Dioramen seines literarischen Patchworks, wo er als stets zurückhaltender Voyeur, als aufmerksamer Beobachter und Dokumentator hinter den Kulissen, seine Protagonisten durch alle intimsten Höhen und Tiefen begleitet. Zuweilen begnügt er sich gar mit der Rolle des gänzlich stimm- und gesichtslosen Herausgebers, der jene Texte und verschriftlichten Äußerungen publik macht, die seine Hauptfiguren in Form von E-Mails, Tagebucheinträgen, Chat-Dialogen oder transkribierten Diktiergerät-Aufzeichnungen hinterlegt haben.
Und Melle erweist sich in all dem als wahrer Wortmagier des Hermetischen. Wenn er davon erzählt, wie das Leben seiner Akteure Tag um Tag mehr verflacht und sich selbst die persönlichsten Gemütsbewegungen peu à peu als vorgefertigte Schablonen und fremdkonzipierte Fließbandware entpuppen, wenn der „Krebs des Verstehens“ allerorten seine Metastasen zu streuen beginnt und Melle seine dekonstruierten Irrfahrer auf ihren halluzinatorischen Trips mit den Dämonen der Städte Bekanntschaft schließen lässt, dann knistert seine Sprache wie ein synaptisches Wetterleuchten, ja, wie ein neurasthenisches Feuerwerk am bedeckten Nachthimmel des Unbewussten.
Seine Diktion wird dabei fortlaufend von einer ungewöhnlich beklemmenden, sehr organischen Metaphorik durchdrungen, die nicht nur permanent für ein surreales, untergründiges Schwelen und Brodeln sorgt, sondern mancherorts sogar manifeste und geradezu sich eruptiv entladende Body Horror-Elemente in die sprachliche Textur einwebt.

Fazit:

Thomas Melles Sickster ist das ernüchternde diagnostische Sittengemälde einer materiell saturierten, hyperbeschleunigten und doch zugleich abstoßend ennuyierten Postmoderne, das mit einer unvergleichlichen Sprache von urgewaltig-origineller Expressivität aufzutrumpfen versteht und sich dank seiner fraktalen Collagenstruktur passagenweise genau so klaustrophobisch liest und anfühlt, wie die dissoziativen Delir-Zustände, die es in eindringlichen, aber nie sentimentalen Worten beschreibt.
Nichts für schwache Nerven, aber dennoch definitiv ein Roman, der zu meinen persönlichen Lese-Geheimtipps der vergangenen Monate zählt und 2011 auch völlig zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landete.
Einen geringfügigen Punktabzug gibt es allerdings für das zwar folgerichtige, aber dennoch leicht enttäuschende und etwas zu abrupte Ende, das meines Erachtens einfach nicht so recht zu Melles sonst durchaus wohlgetaktetem Erzählrhythmus passen will.
Gesamtwertung daher: 4,5 von 5 Sternen

Teresa Maienschein


Thomas Melle: Sickster
19,95 Euro (Hardcover)
336 Seiten
Rowohlt Berlin; 2. Auflage 2011
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3871347191

Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter ...
Her Nerdiness höchstpersönlich
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Kürzlich als eBook gelesen:



Hallelujah!
Als Spross einer angesehenen Familie alteingesessener Devotionalienhändler wächst der kleine Andreas Anfang der 50er scheinbar wohlbehütet im bayerischen Wallfahrtsort Altötting auf.
Doch da wo sich für so manch frommen, rosenkranzbetenden Pilger die himmlischen Pforten auftun, durchlebt Andreas indessen die Hölle auf Erden.
Denn hinter der idyllisch-traditionsträchtigen Heimatfilm-Kitschkulisse von Altötting lauern auch hier – wie so oft – die altbekannten Abgründe.
Tagtäglich sieht Andreas sich dort völlig schutzlos und ohne jeglichen Beistand den Tobsuchtsanfällen, Übergriffen und seelischen Demütigungen seines kaltblütigen Vaters ausgeliefert. Denn auch die schwache, leicht zu gängelnde Mutter verfügt nicht über die nötige Courage, dem cholerischen Haustyrannen dezidiert die Stirn zu bieten.
Und – weit gefehlt! - auch direkt vor Ort bei den religiösen Würdenträgern und selbsternannten Gralshütern katholischer Sitte und Moral trifft der verschüchterte Junge mitnichten auf die bitter benötigte Unterstützung und Fürsprache. Stattdessen findet er sich auch hier in Gesellschaft einer abgefeimten Horde scheinheiliger Pfaffen und sadistischer Schulmeister wieder, die unterm Deckmantel wechselseitiger Verschwiegenheit zuweilen auch vor dem erpresserischen sexuellen Missbrauch der ihnen Schutzbefohlenen nicht zurückschrecken.
Im dumpfen Geistesklima von Schuld, Angst und Selbstverachtung sieht Andreas sich daher gezwungen, seinen Leidensweg auch weiterhin auf sich allein gestellt beschreiten zu müssen.
Erst als junger Erwachsener gelingt ihm nach einem kräftezehrenden, furiosen Akt der Auflehnung endlich die Flucht aus dem Bannkreis des Gnadenortes, der keine Gnade kennt.
Was auf die längst überfällige Lossagung jedoch zunächst folgt, sind nicht etwa Glanz und Gloria, sondern die klassischen Kreuzwegstationen des persönlichen Abstiegs, geprägt von Abhängigkeit, scheiternden Therapieversuchen und schier endlosen Phasen des perspektivenlosen Dahinvegetierens. Doch Andreas bleibt tapfer und gibt nicht auf und ungezählte Irrungen und Wirrungen später offenbart sich ihm so schließlich doch noch die ganz persönliche Berufung, in der er späte, halbversöhnliche Erfüllung findet …

Was Thomas Bernhard einst für Österreich war, könnte Andreas Altmann künftig für den Freistaat werden. In bester Nestbeschmutzer-Tradition rechnet er in seinem kontrovers diskutierten autobiographischen Roman Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend mit der heuchlerisch-moralinsauren Bigotterie und dem stickigen Filz der bayerischen Provinz ab - und das völlig frei von selbstgerechter Lamoryanz, sondern mit einem ordentlichen Schuss Chuzpe. Denn – und das betont Altmann in zahlreichen Medienberichten – eine „Elendsjeremiade“ habe er nicht schreiben wollen.
Das ist ihm in der Tat gelungen, auch wenn das gewählte Sujet eher auf tatterigen Greisenbeinen dahergehumpelt kommt. Altmann schafft es nichtsdestotrotz erstaunlich virtuos, den alten Popanz in neuen, glänzenden Ornat zu hüllen.
In unsentimentalen, zugespitzten Worten, die - rostigen Nägeln nicht unähnlich - schmerzhaft und sinnbildlich durch Mark und Bein des Lesers getrieben werden, erzählt er als Sohn vom Stigma der ewig Ungeliebten oder verweist als Analytiker auf das tief verwurzelte und generationsübergreifend nachschmerzende Nachkriegstrauma der emotional verstümmelten Elterngeneration. An anderer Stelle wiederum wird die Doppelmoral des Katholizismus mit rohen, nicht gerade zimperlichen Sätzen und bitterbösen Formulierungen wie mit Peitschenhieben flagelliert und letztlich exorziert.
Dabei ist es von erwähnenswertem Vorteil, dass Altmanns unbestritten dichte Sprache dennoch immer verständlich und flüssig lesbar bleibt und sich trotz hoher Komplexität nicht in allzu vergeistigter Metaphorik verliert.

Mein Fazit lautet daher:

Die aufwühlend kraftvoll erzählte Tragödie einer Kindheit ohne Liebe, die moderne Odyssee einer schmerzensreichen Emanzipation und reichlich verspäteten Selbstfindung, einfühlsam und tiefschwarzhumorig zugleich, mitreißend bis zur letzten Seite. Und etliche Spritzer wohltuend erfrischender Blasphemie gibt es obenauf noch gratis dazu. Einfach göttlich grandios!
Deshalb: 5 von 5 Sternen

Teresa Maienschein


Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend
19,99 Euro (Gebundene Ausgabe)
256 Seiten
Piper München; 10. Auflage 2011
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3492053983

Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst
Her Nerdiness höchstpersönlich
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Nach langen Vorankündigungen habe ich es zuletzt nun doch noch geschafft, mich eingehender mit dieser längst überfälligen Rezension zu beschäftigen.



Bereits Ovid berichtet in seinen Metamorphosen vom schönen Jüngling Narziss, der, hoffnungslos in sein Spiegelbild verliebt, in letzter, unvermeidlicher Konsequenz an ebenjener übersteigerten Selbstverliebtheit zu Grunde geht.
Was im ursprünglichen Mythos prima facie anmutet wie ein harsches Anprangern von unmäßigem Egoismus, den seine gerechte Strafe ereilt, erlaubt auf einer weitaus sublimeren Ebene jedoch noch eine völlig andere, metaphorische Lesart, in der es keinesfalls um Bestrafung und Verurteilung einer zu missbilligenden, unsozialen Charakterschwäche, sondern vielmehr um die bloße Beschreibung eines neutralen, psychologisch relevanten Störungsbildes nebst all seiner Nachwehen geht.
Genau diese Lesart ist es, der sich die Analytikerin Alice Miller in ihrem essayistisch gefärbten Erfahrungsbericht zuwendet. Wo in der Alltagssprache zumeist geläufige Ressentiments und moralische Negativkonnotationen dominieren, beleuchtet sie die Narzissmusdebatte im Drama des begabten Kindes stattdessen aus einem rein therapeutisch und bindungstheoretisch orientierten Blickwinkel, der allen unnötigen, normativen Ballast in begrüßenswerter Weise aus dem Fokus nimmt.

Ihr Narziss ist kein verachtenswerter, großtuerischer Selbstdarsteller, der nur sich und sonst niemanden kennt, sondern vielmehr ein verzweifeltes, unfreiwillig gefälliges Wesen auf der aussichtslosen, beständig zum Scheitern verurteilten, ja, fast schon tragischen Suche nach sich selbst. Denn nur sein starres, zweifelsohne wunderhübsches Spiegelbild ist es, das der Unglückliche an sich lieben kann und darf, führte jedes abweichende Verhalten doch umgehend und unweigerlich zum Selbstverlust, i. e. zur Abkehr vom einzigen bisher gekannten und daher überlebensnotwendigen, wenngleich auch trügerischen Gefühl der Identität und Sicherheit. Narziss kann und will alles Unschmeichelhaftere, was dank seiner Schönheit aufs Zuverlässigste verhüllt wird und neben jener restlos verblasst, daher nicht sehen. Affektbewältigung findet nicht statt. Alle dunklen oder auf sonstige Art als negativ empfundenen Regungen, die sich hinter der herrlichen Fassade verbergen, werden ignoriert und abgespalten – und fordern dennoch ihren Tribut und rächen sich in Form einer für Narziss unerklärlichen inneren Leere, die ihn in kompensatorischer Hinsicht fortan aber noch umso intensiver an sein bislang idealisiertes, jedoch falsches und unvollständiges Spiegel-Ich bindet. Diese Leere ist nichts anderes als das schmerzliche Gefühl der Abgetrenntheit von dem, was Narziss in seiner Ganzheit und in all seinem Empfindungsreichtum ist oder sein könnte, distanzierte er sich nur endlich von der fatalen Fixierung auf sein zwar reizvolles, doch dafür erschreckend blutarmes Abbild, - eine verzerrte, wirklichkeitsuntaugliche Hypostase seiner selbst, die sich infolgedessen nicht als solide, lebendige Basis für eine erfüllende Ichwerdung eignet. Von der verzehrenden Sehnsucht nach dem Ich getrieben, ertrinkt Narziss in manchen Versionen des Mythos schließlich beim vergeblichen Versuch, sich mit seinem betörenden Spiegelbilde im Wasser vereinigen zu wollen, ohne zuvor erkannt zu haben, dass ein Perspektivenwechsel von außen nach innen, hin zu sich und der Integration seiner wahren Bedürfnisse, womöglich die Lösung seines unbewussten Dilemmas mit sich gebracht hätte. Der Weg der permanenten Selbstverleugnung zugunsten eines schimärischen Ideals, das keinerlei Varianz zulässt, mündet so zuletzt im zwangsläufigen, selbst herbeigeführten Tod des Ichs - oder anders ausgedrückt: in der Depression, die ja im Grunde genommen nichts anderes ist als kostümierte und daher zunächst unauffällige, deswegen jedoch nicht minder gegen die eigene Person gerichtete Destruktivität.

Miller verweist mittels ihrer unkonventionellen Interpretation nicht nur auf eine oft und gern übersehene Dimension des Narziss-Mythos, sondern deckt im selben Atemzug auf, dass der narzisstische Mensch mitnichten mit einem unerhört großen Ego ausgestattet ist, sondern dem entgegen vielmehr unter der Nicht-Existenz oder nur notdürftigen Ausformung eines ebensolchen leidet. Die Bedeutung der ursprünglichen Begrifflichkeit wird geradezu auf den Kopf gestellt. Der Narzisst will ohne Zweifel gefallen, ist, zuvorkommend, hilfsbereit, passt sich an, gibt – stets ein Ausbund an Höflichkeit und Zurückhaltung- sein Bestes, ist nicht selten erfolgreich; vieles, was er in die Hand nimmt, gelingt auch – doch geschieht all dies nie aus böswilligem Kalkül oder in der Hoffnung auf strategischen Vorteil vor anderen. Es ist schlichtweg sein Lebenselixier, von allen bewundert und gelobt zu werden, nicht etwa um sich unbotmäßig zu bereichern, sondern weil es alles ist, das ihm bleibt. Das positive Feedback anderer Menschen, die für ihn auf diese Weise die gleiche Funktion übernehmen wie einst der Spiegel für Narziss und von deren Einschätzungen er daher stets im höchsten Maße abhängig bleibt, ist das einzige, das dem im wörtlichen Sinne ich-losen Narzissten noch ein existenziell unentbehrliches Restgefühl von Ich-Identität vermitteln kann. Allein das fügt ihn noch zusammen, verleiht ihm Kontur und lässt ihn reibungslos in seiner sozialen Rolle funktionieren. Doch wehe die positive Zuwendung der Selbstobjekte bleibt aus, sei es nun in Form von Zurückweisung, Kritik oder Nichtbeachtung – für den Narzissten bricht an dieser Stelle eine Welt in sich zusammen.
Was für andere bloß ein harmloser Kratzer ist, schnell vergessen und nicht der Rede wert, ist dem narzisstisch bedürftigen Menschen ein kaum zu verkraftender, beinah tödlicher Stoß, von dem er sich ohne professionelle Hilfe nur schwer oder gar nicht erholt …

Miller erläutert anhand vieler anschaulicher Beispiele und Gleichnisse, wie eine so beschaffene narzisstische Persönlichkeitsstörung zustande kommen kann, welche frühkindlichen Traumata dabei eine Rolle spielen und welche Ausgangsbedingungen die Prävalenz des beschriebenen Symptomkomplexes begünstigen. Häufig greift sie dabei auf die eigenen Erfahrungen mit von diesem Krankheitsbild betroffenen Patienten und deren Schilderungen zurück und arbeitet in diesem Zusammenhang jene biographischen Eckpunkte heraus, die bei einem Gros der Betroffenen auffällige Parallelen aufweisen. Zentrale Bedeutung wird vor diesem Hintergrund vor allem der gestörten Mutter-Kind-Bindung zugeschrieben, die in den meisten Fällen aus dem labilen Charakter der Mutter resultiert, welche – ihrerseits bereits eine gesteigerte Bedürftigkeit in die Beziehung mithineintragend – jene des Kindes unbewusst missbraucht, um sich mittels vielfältiger Manipulationen (nicht selten auch unter dem Deckmantel der vermeintlichen Fürsorglichkeit) zuletzt doch noch jene Aufmerksamkeit und jenen Respekt erschleichen zu können, der ihr selbst zeitlebens nie im ausreichenden Umfange vergönnt war.
Miller verdeutlicht damit auch eindringlich, wie häufig es vorkommt, dass unbewältigte Konflikte unwissentlich von der Eltern- an die Kindergeneration weitervererbt werden und sich dort schließlich ungestört, da lange unentdeckt, aus Angst vor Ablehnung verschwiegen oder auch einfach nicht ernst genommen, in Form massiver, psychischer Beeinträchtigungen niederschlagen können.

Fazit:

Ein hochlesenswerter, zum Nach- und Umdenken anregender, nie unzeitgemäßer Klassiker, dessen Lektüre sich nicht nur für Eltern oder in Erziehungsberufen Tätige allein empfiehlt, sondern auch allen übrigen pädagogisch und psychologisch Interessierten einen umfassenden Einblick in die fragile Beschaffenheit menschlichen und vor allem kindlichen Seelenlebens gewährt. Darüber hinaus liefern Millers analytische Ausführungen einen begrüßenswerten Gegenentwurf zu momentan wiedererstarkenden, repressiven Tendenzen innerhalb des pädagogischen Diskurses (siehe die hier auch bereits thematisierte Tyrannen-Reihe von Michael Winterhoff).
Ein insgesamt sehr gelungenes Plädoyer für mehr Behutsamkeit und Empathie im Umgang mit Kindern, dem weder die zahlreichen, psychoanalytischen Anleihen, die nicht jedermanns Sache sein mögen, noch die pädagogisch tendenziell antiautoritäre Grundhaltung Millers, die einigen wohl schon allein aus Gewohnheit suspekt bleiben muss, einen Abbruch tun.
5 von 5 Sternen.

Teresa Maienschein



Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes und Die Suche nach dem wahren Selbst
8,99 Euro (Broschierte Ausgabe)
192 Seiten
Suhrkamp Verlag Frankfurt/M.; 27. Auflage 1983
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3518374504

Ayn Rand: The Fountainhead (Der ewige Quell)
Her Nerdiness höchstpersönlich
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Hiermit melde ich mich nach langer Zeit mit einer neuen, längst überfälligen Rezension zurück.




Ayn Rand erzählt in ihrem 1943 erstmals erschienenen Roman die Geschichte des begnadeten Architekten Howard Roark, der - allen abfälligen Unkenrufen seiner sich allein verstaubter Tradition verschreibenden Zunft zum Trotz - unbeirrt und kompromisslos uneingeschränkte Geltung für die unverfälschte Vision des autonomen Kunstwerkes einfordert. Selbst allerlei Kränkungen und Demütigungen nimmt der meist wortkarge und reservierte Eigenbrötler dafür billigend in Kauf. Denn belächelt und aufgrund ihrer nicht herkömmlichen Gewagtheit als untauglich für den gewöhnlichen Architekturbetrieb sowie als unvereinbar mit dem zumeist antiquierten Geschmack der zahlenden Kundschaft befunden, tragen seine innovativen und gleichsam grandiosen Entwürfe dem kreativen Studenten schließlich nicht nur eine unfreiwillige Exmatrikulation seines Institutes ein, sondern erweisen sich auch im Anschluss während seiner Suche nach einem bescheidenen Auskommen immer wieder aufs Neue als ärgerlicher Stolperstein, beruflich sicher Fuß fassen zu können, so dass Roark, der Unbeugsame, der im Gegensatz zu seinem erfolgsverwöhnten Gegenspieler Peter Keating unter keinen Umständen gewillt ist, sich bezüglich seiner schöpferischen Ideale auf halbseidene Arrangements einzulassen, dem existenziellen Aus bisweilen nur knapp zu entrinnen vermag. Doch eiserne Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit und Selbstdisziplin zahlen sich nach diversen Rückschlägen, Intrigen und Turbulenzen schließlich doch noch aus und Roark, dessen genial eigenwilliger Stil sich gegen viele Widerstände schrittweise zu etablieren und Bewunderer zu finden beginnt, bietet sich zu guter Letzt doch noch die Gelegenheit, eine neue, von konventionellen Zwängen befreite Ära kreativen Schaffens und künstlerischen Selbstverständnisses für sich und die seinen einzuläuten – ein finaler Triumph, der abschließend im Bau eines monumentalen Wolkenkratzers Roarkschen Gepräges gipfelt.

Was sich zunächst liest wie eine wortgewaltige, herzzerreißende Mär über Idealismus, unbedarfte Schöngeisterei und unschuldiges, von verbohrten Krämerseelen zu Unrecht in seine Schranken verwiesenes Künstlertum, entpuppt sich bei genauerem Hinschauen als aufdringlich programmatische Lehrdichtung zugunsten der von Rand selbst präferierten Ideologie des sogenannten Objektivismus, einer zur systematischen und umfassenden Philosophie ausgebauten Variante des Radikalkapitalismus.
Sicherlich, die Autorin beherrscht ihr Handwerk durchaus. Die unterschiedlichen, sehr originellen Charaktere, die die Welt von The Fountainhead bevölkern, wurden zweifellos mit einer beeindruckenden Liebe zum Detail modelliert, gleichwie Rands kraftvolle Prosa durch ungewöhnliche Geschmeidig- und Eingängigkeit besticht, wie sie bloß selten begegnet; - dennoch stellt sich nach einiger Zeit unweigerlich der erste, große Lesefrust ein (zumindest mir persönlich erging es so). Etwas stimmt nicht mit den vermeintlich so facettenreichen Charakteren. Enttäuschung macht sich schleichend breit, sobald einem peu à peu dämmert, dass der vielgelobte, literarische Geheimtipp von Anfang an, obschon er diesen Makel lange Zeit gekonnt zu verschleiern weiß, letztlich doch nur mit eindimensionalen Schwarz-Weiß-Stereotypen operiert, die offenbar für ganz banale, weltanschauliche Propaganda-Zwecke instrumentalisiert werden. Intermediäre Grauzonen sucht man vergeblich. Es gibt lediglich den ich-bezogenen, unnachgiebigen und willensstarken Über-Menschen Roark, der außer sich selbst niemandem etwas schuldig ist, auf der einen und dem gegenübergestellt eine Vielzahl verweichlichter, knechtischer und daher verabscheuungswürdiger Kreaturen in Menschengestalt auf der anderen Seite, die aufgrund ihrer wechselseitigen Abhängigkeiten nur allzu leicht korrumpierbar sind. Rands Roman feiert und inszeniert hierbei einen antisozialen und empfindungsgehemmten - wenngleich auch hochbegabten - Widerling, der weder lieben noch Mitleid empfinden kann, als Messias des Individualismus. Wirklich skandalös ist das zwar nicht, aber störend, unangebracht pathetisch und vor allem paradox. Denn wie es erscheinen will, ist es offenbar allein Mrs. Rand, die über die entsprechenden Kompetenzen verfügt, die dafür qualifizieren, entscheiden zu dürfen, welche menschlichen Eigenschaften denn nun in den Kanon der individualistischen Tugenden aufgenommen werden sollten und welche nicht; - eine willkürliche und präskriptive Praxis, die offenes Konzept und Idee des Individualismus bereits im Keim erstickt und ad absurdum führt.
Die viel zu simple Gleichung lautet: Genialität + Rücksichtslosigkeit + Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen = Individualist. Die banale Möglichkeit, dass man auch dann im Geiste des Individualismus seinen eigenen Weg gehen kann, wenn man kein fortdauernd malochender, sozial inkompetenter Menschenfeind ist, der allein für sein Werk brennt und sich selbst nur noch in der Rolle einer kreativen Hervorbringungsmaschine desselben ertragen kann, zieht Rand nicht in Betracht (und auch nicht den Umkehrschluss von der möglichen Existenz konformer, träger, nicht im Ansatz von individualistischer Gesinnung beseelter Egoisten). Es gibt nur egoistische, von Fremdmeinungen unabhängige Individualisten oder aber altruistisch veranlagte, gefallsüchtige Konformisten, Kriecher und Speichellecker, die ein moralisch verwerfliches, parasitäres Dasein fristen. Diese starre und vor allem massiv normativ aufgeladene Kopplung diverser Persönlichkeitsattribute wird durch den gesamten Roman hindurch unmodifiziert beibehalten und kommt schließlich auch in Roarks langem Verteidigungsmonolog vor Gericht abermals zum Tragen (Roarks Entwürfe für ein soziales Wohnungsbauprojekt konnten zuvor nicht in ihrer ursprünglichen Form und gemäß der vereinbarten Bedingungen umgesetzt werden, woraufhin Roark die Baustelle kurzerhand sprengt.). Vom Nietzscheanismus inspirierte Thesen treffen hierbei auf den einen oder anderen neoliberalen Mythos und gehen eine höchst abenteuerliche Liaison ein. Ein Schelm, der bei Worten wie diesen negative Assoziationen zu hegen beginnt:

„Men have been taught that their first concern is to relieve the suffering of others. But suffering is a disease. Should one come upon it, one tries to give relief and assistance. To make that the highest test of virtue is to make suffering the most important part of life. Then man must wish to see others suffer – in order that he may be virtuous. Such is the nature of altruism. The creator is not concerned with disease, but with life. Yet the work of creators has eliminated one form of disease after another, in man’s body and spirit, and brought more relief from suffering than any altruist could ever conceive.”

Derartige Aussagen zeugen allenfalls von einer unzulässigen Verknappung und Verunglimpfung dessen, was der Mensch im ganzheitlichen Sinne ist, nicht aber vom aufrichtigen Verständnis eines freigeistigen Individualismus'. Gewiss ist er, der Mensch, auch jener Schöpfer und überlebensgroße Demiurg im Dienste der eigenen Sache, dem Rand mittels ihres Romans ein solch ehrfürchtiges Denkmal setzt; - aber zur gleichen Zeit ist er auch noch so viel mehr: Träumer, Schwärmer, Liebender, Mäzen, Freund, Bewunderer, Wohltäter und ja, zu bestimmten Zeitpunkten auch Schwächling und Besiegter, der deswegen sein Recht auf Leben noch lange nicht verwirkt hat.
Rand, die - wie der Titel ihres Romans suggeriert - den Quell aller höchsten Freude und Kraft entdeckt zu haben vorgibt, übersieht, dass der einzig wahre, ewige Quell einzig in der Fülle und Vielgestaltigkeit des Lebens gefunden werden kann, nicht aber in Form einer obsessiven, sich eingleisig und grimmig zum Habitus verhärtenden Hingabe an die persönliche Transzendierung im eigenen Werk, die selbstverständlich zwar auch einen wichtigen und elementaren Bestandteil der eigenen Existenz ausmacht, aber trotzdem immer nur, wenngleich auch bedeutsamer, Teilaspekt bleibt. Abwechslung und Vielfalt, deren jeweilige Einzelbestandteile sich idealiter die Waage halten sollten, lautet die Zauberformel, nicht einseitige Versteifung auf eine einzige Komponente menschlicher Wesenhaftigkeit.
Unbestreitbar ist das Individuum ein zartes Pflänzlein, das - von allen Seiten stets bedrängt - unbedingt schützenswert ist, gleichwie die Forderung nach absoluter Selbstlosigkeit zum Wohle des Kollektivs im Laufe der Historie zuweilen tatsächlich ausufernde Formen annahm, die nicht zu billigen sind. Es ist nicht falsch, zu sein, wie man nun einmal ist und dabei einen gesunden Narzissmus an den Tag zu legen, so wie es auch keinesfalls verwerflich ist, konsequent seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn man infolgedessen gezwungen ist, Einzelpersonen brüskieren und vor den Kopf stoßen zu müssen. Vor diesem Hintergrund wird Rands plakative, zur Überzeichnung neigende Vehemenz möglicherweise verständlicher und nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz legitimiert all das nicht jene von Rand vertretene, grundsätzliche Infragestellung und Ablehnung jedweder sozialen oder karitativen Errungenschaft. Bis zum Exzess betriebene Selbstbehauptung ist mindestens genauso schädlich wie maßlos ausgeübte Selbstaufgabe. Es gilt von Fall zu Fall zu unterscheiden. Manche Menschen sind es eher wert als andere, dass man sich auf sie einlässt und sich mit ihnen arrangiert. Rand und damit auch ihr Held Roark differenzieren auf diesem Gebiet jedoch nicht. Ihr Individualismus beansprucht unveränderlich universale und kontinuierliche Gültigkeit und erlaubt keinerlei Abweichung. Was bleibt, ist ein totalitärer Beigeschmack.

Fazit:

Ein schriftstellerisch einwandfreies und durchaus beeindruckendes Epos, das inhaltlich aber leider viel zu tendenziös ausfällt.
Für Erzähltechnik und Wortgewandtheit vergebe ich daher 4 Sterne; Punktabzug gibt es hingegen für die ideologielastige Grundtönung des Romans, die sich derart laut und marktschreierisch in den Vordergrund drängt, dass es leider ungemein schwer fällt, nachsichtig darüber hinwegzusehen.
Infolgedessen nur 2,5 von 5 Sternen.

Teresa Maienschein


Ayn Rand: The Fountainhead
7,80 Euro (Taschenbuch)
720 Seiten
Signet New York; revidierte Auflage 1993
Sprache: Englisch
ISBN: 978-0451191151

Robert Menasse: Selige Zeiten, brüchige Welt
Her Nerdiness höchstpersönlich
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Entgegen meiner Vorankündigungen möchte ich nun doch zunächst diese Rezension vorziehen ...



Leo Singer, Sohn wohlhabender, jüdischer Exil-Heimkehrer im Wien der 60er Jahre und eigentümlicher Antiheld dieses Romans, ist der Inbegriff dessen, was man für gemeinhin unter einem ewigen Philosophiestudenten und stets zaudernden, wenngleich auch nicht unbegabten Taugenichts versteht .
Geradezu besessen von Hegels Phänomenologie des Geistes und der grandiosen Vision einer Umkehrung und damit Vollendung des dialektischen Gedankens, versäumt es der willensschwache Singer entgegen besserer Möglichkeiten jedoch immer wieder aufs Neue, auch jenseits des akademischen Betriebs auf eigenen Beinen zu stehen. Stattdessen leidet er als unfreiwilliges Muttersöhnchen beständig unter dem harschen Regiment einer überbehütenden und dennoch lieblosen, pedantischen und nie zufrieden zu stellenden Mutter. Und obschon Singers Geist nichtsdestotrotz stets rege bleibt und sich unentwegt an der Lösung theoretischer Problemstellungen und Streitfragen versucht, verstreichen sowohl seine Wiener Studentenjahre, als auch die späteren Jahre seines gelehrten Oblomow-Daseins nahezu ausnahmslos in behaglich lähmender Untätigkeit und Lethargie, ohne dass es ihm jemals gelingt, etwas von tatsächlicher Bedeutung zu Papier zu bringen.
Die psychisch labile Judith Katz, eine frühere Kommilitonin, abgetakelte Literaturwissenschaftlerin und ebenfalls Kind jüdischer Emigranten, entwickelt sich in dieser langen Phase des verhinderten Aufbruchs schließlich zu Singers wichtigster Bezugsperson und Wegbegleiterin. Und obgleich Singers verhaltene Annäherungsversuche letzten Endes meist an seiner ungelenken, unerfahrenen Schüchternheit und der grundsätzlichen Verschiedenheit beider Charaktere scheitern, erweist sich ihre wiederkehrende Gegenwart für ihn als inspirativ. Sie, seine Fleisch gewordene Antithese, gegen die es sich schreibend aufzulehnen gilt, fungiert fortan als Identitätsstifterin und Quell all seines philosophischen, jedoch immer bloß fragmentarischen Schaffens. Der Beginn einer selbstzerstörerischen Amour fou unter Intellektuellen, die angesichts seines eigenen Scheiterns als Literaturschaffender schließlich in einer letzten, drastischen Maßnahme Singers gipfelt …

Menasse versteht sich wie kein anderer zeitgenössischer Autor der deutschsprachigen Literatur auf großformatig angelegte, detailverliebte Außenseiter-Erzählungen. Auch Selige Zeiten, brüchige Welt ist ein solcher seiner schriftstellerischen Geniestreiche. Im Gestus niemals übersteigert pompös oder schwülstig und trotzdem immer ausdrucksstark, skizziert er mit präziser Feder, schlichten, aber keinesfalls aller Poesie entsagenden Worten und einem untrüglichen Sinn für leise Zwischentöne und die Tragikkomik beider Hauptfiguren deren langjährigen Weg hin zum unausweichlichen, gemeinsamen Ruin. Bei diesen handelt es sich zwar ohne Zweifel um der Literaturwissenschaft geläufige Prototypen gebrechlicher Neurotiker, was dem Roman dank der glaubwürdigen, plastischen, gängige Klischees stets gekonnt umschiffenden Darstellung jedoch keinerlei Abbruch tut.
Trotz der zuweilen unerträglich grotesken Unbeholfenheit seiner lebensunfähigen Protagonisten, gelingt es Menasse gleichwohl immer wieder, den Leser aufs Neue für diese einzunehmen. So leidet und fiebert man beispielsweise ganz ohne anmaßendes Pathos mit, wenn sich Singers sperrige Erkenntnisse zu Hegels Philosophie ungeachtet aller Anstrengungen dennoch nie zu einem großen, niedergeschriebenen Ganzen fügen wollen und kann sich eines stillen Schmunzelns trotzdem nicht immer völlig erwehren.
Doch Menasse weiß auch formvollendet zu verstören. Er dringt tief ein in die bodenlosen Abgründe der menschlichen Psyche und beschreibt die aus jenen finsteren Winkeln emporsteigenden Ungeheuerlichkeiten doch derart nüchtern, reserviert und untheatralisch, dass es einen ob solcher Abgeklärtheit schaudert. Man fragt sich schließlich bestürzt, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass kultivierte Menschen von solcher Bildung wie Katz und Singer sich derart kompromiss- und schonungslos zugrunde zu richten vermochten, ohne dass weiter Anteil daran genommen wird. Was am Ende bleibt, ist eine alarmierte, bitter auf allem lastende Fassungslosigkeit, die auch der halbversöhnliche Schluss nicht völlig neutralisieren kann.

Fazit:
Selige Zeiten, brüchige Welt ist ein radikales, unbedingt lesenswertes und tiefgründiges Buch für Freunde anspruchsvoller Literatur; ein Juwel von einem modernen Roman, gespickt mit unzähligen philosophischen Bonmots, der seinesgleichen gegenwärtig noch sucht. Ein niemals langatmiges, hochbeachtliches, gelungenes Werk über den Entstehungsprozess eines ebenso ambitionierten, jedoch niemals gelingenden Werkes.
Selbst Menasses stetiger Rückgriff auf Hegels komplexe Weltanschauung ist hierbei nicht sonderlich problematisch und dürfte sich im Kontext auch dem geisteswissenschaftlich nicht sonderlich kundigen Laien erschließen, ohne den übrigen Lesegenuss erheblich zu vermindern.
5 von 5 Sternen.

Teresa Maienschein


Robert Menasse: Selige Zeiten, brüchige Welt
5,95 Euro (Taschenbuch)
366 Seiten
Suhrkamp Verlag Frankfurt/M.; 1. Auflage 2002
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3518399415

Giovanni Boccaccio: Das Dekameron
Her Nerdiness höchstpersönlich
[info]dornreschen
Langweilig! Rezensionen, in denen ich nicht kontrovers argumentieren kann und muss, machen viel weniger Spaß ...



Florenz 1348. Eine verheerende Pestepidemie zwingt die einst stolze Stadt in die Knie. Wen es noch nicht dahingerafft hat, sucht schleunigst das Weite. So auch sieben junge Damen und drei junge Männer, die gemeinsam der Unheil verheißenden Beengtheit der Stadt entfliehen und die allgegenwärtige Aussicht auf Tod und Siechtum fortan gegen die bisher noch unangetastete Idylle der umliegenden toskanischen Landgüter eintauschen wollen. Kaum angelangt, ist neben allerlei anderen Lustbarkeiten auch schon recht bald für die nötige Kurzweil gesorgt: Von nun an müssen jeden Tag reihum amüsante Erzählungen aller Art, die einem jeweils vorher festgelegten, losen Leitmotiv unterstehen, zum Besten gegeben werden. Was folgt, ist ein in jene fiktive Rahmenhandlung eingebetteter, vergnüglicher Reigen aus hundert launigen, bisweilen auch makabren und zotigen Kurzerzählungen, die heute als eine der bedeutendsten Sammlungen mittelalterlicher, volkssprachlicher Kurzprosatexte überhaupt gelten.
Neben seiner herausragenden Bedeutsamkeit für die Literaturwissenschaft weiß der oft als stilbildend bezeichnete Novellenzyklus aber noch mit ganz anderen Qualitäten aufzuwarten.
Denn entgegen aller Vorbehalte, die man einem literarischen Werk des 14. Jahrhunderts gegenüber hegen mag, haben wir es hier keinesfalls lediglich mit einem etwas verklemmten und verstaubten Stück altväterlicher, professoraler Unterhaltungslektüre zu tun, sondern vielmehr mit einem von Boccaccio virtuos in den sattesten Farben kolorierten Fresko der Sinnlichkeit und Lebenslust, das sich vor dem Auge des Lesers in überwältigender Fülle und Lebendigkeit entfaltet. Es wimmelt nur so von verschrobenen, lüsternen Gestalten und sittsamen, schamhaften Damen, um deren vermeintliche Keuschheit es letzten Endes dann doch nicht zum Besten bestellt ist. Es wird leidenschaftlich geliebt, inbrünstig gehasst, gelitten, betrogen und schamlos verführt; unliebsamen Nebenbuhlern wird ohne Umschweife und Gewissensbisse der Garaus gemacht, während eigentlich achtbare Gemahlinnen um keine noch so tolldreiste Methode verlegen sind, ihren behäbigen Gatten die Hörner aufzusetzen. Auch die Scheinheiligkeit des Klerus’ bekommt z.B. in Gestalt des triebhaften Klosterbruders Alberto, der sich den Beischlaf der einfältigen Lisetta erschleicht, indem er sich als Engel Gabriel ausgibt, ihr wohlverdientes Fett weg.
Trotz all jener Anstößigkeiten und zuweilen fast pornographisch anmutender Derbheiten gelingt es Boccaccio dennoch immer wieder, seinen vulgär-burlesken Tonfall zu mäßigen und mittels einer fein bemessenen Prise Ironie und dank eines unbestechlichen Gespürs für Situationskomik aufs Trefflichste zu veredeln.
Gerade auch im Kontrast zu den herkömmlichen Zeugnissen mittelalterlicher Erzählkunst, wie beispielsweise den hochmittelalterlichen Werken höfischer Epik und deren zumeist prüder, blutarmer und stereotyper Figurenzeichnung, präsentiert sich Boccaccios delikate und gewagte Komposition als Besonderheit.
Den Leser von heute könnte allerdings der auf Dauer etwas eintönige Gesamtaufbau der Novellensammlung sowie die sich in leichter Abwandlung beständig wiederholenden Eingangsformeln, deren sich die fiktiven Erzähler und Erzählerinnen ein ums andere Mal wieder bedienen, stören. Auch die an mancher Stelle allzu geschnörkelte und gestelzte Ausdrucksweise mag nicht jedermanns Geschmack entsprechen. Darüber hinaus können auch die vielen kunstfertigen Variationen es mit fortschreitender Seitenzahl leider nicht ausnahmslos verhindern, dass sich bestimmte, wiederkehrende Motive zusehends erschöpfen und dabei bisweilen einen faden Beigeschmack des bereits Dagewesenen hinterlassen.

Fazit:
Boccaccios Dekameron ist ein beachtliches, literarisches Gesamtkunstwerk für Kenner und Genießer. Doch auch Literaturlaien und Neugierige, die bereit sind, sich offenen Geistes auf die gelegentlich etwas antiquierte Sprache einzulassen, können ungeachtet der erwähnten Mankos durchaus auf ihre Kosten kommen. Mögen sich manche Passagen auch etwas angestrengt lesen, so sind es schlussendlich dennoch die 100 unterhaltsamen und für das 14. Jahrhundert außergewöhnlich unverblümten Geschichten, die einen vollends für die aufgebrachten Mühen entschädigen. Wer also bis dato glaubte, das Mittelalter sei eine zugeknöpfte, ungemein frigide Epoche der Geschichte gewesen, wird hier zumindest eines Besseren belehrt.
4 von 5 Sternen.

Teresa Maienschein


Giovanni Boccaccio: Das Dekameron
9,50 Euro (Broschierte Ausgabe)
912 Seiten
Fischer Verlag Frankfurt/M.; 3. Auflage 2008
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3596900060

Helene Hegemann: Axolotl Roadkill
Her Nerdiness höchstpersönlich
[info]dornreschen
Obschon es sich bei folgender Kritik um keine Rezension im klassischen Sinne, sondern wohl eher um das handelt, was man für gemeinhin als einen von übermäßiger Subjektivität durchtränkten Verriss bezeichnen würde, möchte ich sie der Vollständigkeit halber dennoch gerne jenen Texten zugesellen, die hier hoffentlich bald noch folgen werden.

Bestseller zu verfassen und von Kritikern frenetisch bebeifallt zu werden, scheint heutzutage gar nicht mehr so kompliziert zu sein wie einst.
Jüngstes Beispiel: Der fast noch druckfrische Neulingsroman Axolotl Roadkill des vermeintlichen Wunderkindes Helene Hegemann.



Um dafür Sorge zu tragen, dass auch alle weniger erfolgreichen Autoren wenigstens ein Stück vom großen kommerziellen Erfolgskuchen kosten dürfen, kann ich ihnen folgenden Rezeptvorschlag - von Frau Hegemann höchstselbst liebevoll zusammengestellt - nur wärmstens empfehlen. Wohlan, meine Freunde, auf dass die Herzen aller literarischen Gourmets auch euch alsbald zuhauf zufliegen mögen ...

Grundrezept für einen modernen Bestseller:
mit freundlicher Genehmigung von Helene Hegemann

1.) Man nehme einfach zwei Begriffe, die sich inhaltlich in etwa so nahestehen wie Unbefleckte Empfängnis und Kamasutra und kombiniere diese angestrengt, in fast schon delirierend anmutender Manier zu Titeln wie Grottenolm Overkill oder vergleichbaren. Ein auf diese Weise meisterhaft gepanschter Titel-Verschnitt bildet die Grundlage für die spätere Bekömmlichkeit beim Leser, deshalb sollte man bei diesem Arbeitsschritt besonders sorgfältig vorgehen. Einige exotische Ingredienzien dürfen daher ruhig zum Einsatz kommen; man will sich ja schließlich bewusst vom langweilig faden Beigeschmack herkömmlicher Buchtitel abheben.

2.) In einem zweiten Schritt greife man zu einigen ollen Kamellen aus der popliterarischen Süßigkeitendose, die da wären: Wohlstandsübersättigung, Verlust der Ich-Identität in einer medial vielfach gespiegelten Welt, exzessiver Drogenkonsum im hedonistischen Milieu großstädtischen Schickimicki-Nightlifes usw. Das Ganze verfeinere man noch mit einem Schuss extrem derber Wortwahl und jugendsprachlichem Sprechdurchfall, streue hin und wieder aber auch plagiierte, neologistische Wortbonbons ein, um der intellektuell-künstlerischen Note Genüge zu tun und - Taaadaaaa!!! - fertig ist die schmackhafte Füllung!

3.) Zum Schluss vermenge und verquirle man nochmals alles gründlich und garniere die so entstandene Masse noch mit ein wenig Pseudo-Tiefsinn und Möchtegern-Anspruch. Und schon hat man eine wahrlich literarische Gaumenfreude gezaubert.
Guten Appetit!
0 von 5 Sternen.

Teresa Maienschein


Helene Hegemann: Axolotl Roadkill
8,99 Euro (Taschenbuch)
208 Seiten
Ullstein Berlin; 2010
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-354828323

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